Mittelalterliches Theater




Klärungsbedarf, worum es hierbei geht? In diesem Forum wird der Ansatz des Realtheaters erläutert.

Mittelalterliches Theater

Beitragvon Catma » Mo 22. Sep 2008, 15:31

Gerade bei der Lektüre von "Niklas Luhmann, Einführung in die Systemtheorie" gefunden:

>> Eine ähnliche Frage ist für ein amerikanisches Projekt über mittelalterliches Theater relevant -- jedenfalls versuche ich, diese Frage in die Diskussion dieses Projektes hineinzubauen --, nämlich die Frage, welche historische Bedeutung ein Theater hat, das auf Plätzen gespielt wird, auf denen es keine klare Trennung von Bühne und Zuschauer gibt, in dem die Story, die Plots -- zumeist aus der Geschichte, vielfach Heldengeschichten -- und auch die Körperbewegungen bekannt sind und in dem man nun erkennen kann, was die Körper, die man sieht, im Raum sehen und was sie nicht sehen -- bis hin zu komplizierten Täuschungsstorys bei Shakespear zum Beispiel (Hamlet). Der Zuschauer sieht, dass die Leute etwas nicht wissen, was er schon weiß, oder dass ein Teil der Charaktere auf der Bühne etwas weiß, was andere nicht wissen, und dann anfängt zu täuschen. Die ganze Dramaturgie läuft über das Prozessieren von Täuschungen, inklusive der Vortäuschung von Motiven und von Sozialverhältnissen. Das führt bei Racine sehr deutlich bis zur Auflösung einer garantierten Sozialordnung. Man könnte Theatergeschichte unter der Gesichtspunkt der Herausdifferenzierung einer besonderen Sozialdimension gegenüber dem Berufs- und Körperverhalten in bekannten Geschichten schreiben.<<

Was hier interessant erscheint, ist die Frage in wie fern sich ein an sich sinnhaft vollständiges (Syntagmatisches) polykontexturelles System von außen in seiner kompletten polykontexturalität beobachten lässt und in wie fern diese Form der Beobachtung an sich, losgelößt von dem beobachtetem System selbst in dem Beobachter eine Form der Wahrheit konstruiert, wie von der Wahrheit innerhalb des Spielsystems zu unterscheiden lässt. Weiterhin wäre hier im Rahmen des Realtheaters zu sehen, wie sich durch die Verschränkung der Beobachteten und der Beobachtenden Systeme eine völlig neue Realität -- möglicherweise bis hin zu einer möglichen Cantorschen Diagonalisierung der Sozialverhältnisse -- produzieren lässt.
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von Anzeige » Mo 22. Sep 2008, 15:31

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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon Hans Mack » Di 23. Sep 2008, 22:27

Catma hat geschrieben:Gerade bei der Lektüre von "Niklas Luhmann, Einführung in die Systemtheorie" gefunden:

...Was hier interessant erscheint, ist die Frage in wie fern sich ein an sich sinnhaft vollständiges (Syntagmatisches) polykontexturelles System von außen in seiner kompletten polykontexturalität beobachten lässt...


Das ist ein interessanter Gedanke. Mich erinnert das an die Art, wie neuerdings bei manchen Fußballspielen komplexe Torszenen dem TV Zuschauer in einer 3D Version aus dem Computer präsentiert werden. Hier kann eine Nachbildung der Wirklichkeit in jeder gewünschte Perspektive gezeigt und Hinein- oder Herausgezoomt werden, um eine Situation bestmöglichst zu verstehen.

Wir könnten eine ähnliche Art nutzen und z.B. eine kontroverse Diskussion bei Anne Will nehmen, die Sonntags Talkshow in der ARD. Wir könnten davon einen 5 Minuten Ausschnitt auf Video ganz genau analysieren. Vermutlich wäre das sogar eine wichtige Frage, warum in Talkshows oder im Bundestag die meisten Leute unfähig sind lösungsorientiert anstatt egozentrisch, statusorientiert oder parteienorientiert zu handeln.

Wir (die Beobachter) könnten dann sogar diese Talkshow-Sequenz schauspielerisch nachspielen und nacheinander in die Pro- oder Contra Position der einzelnen Talkgäste hineinschlüpfen und diese mit ihrem Hintergrund und Subtext (= das was gedacht aber nicht ausgesprochen wird) verstehen und nachspielen. Dadurch würden wir auch die ganze Lächerlichkeit zeigen die dadurch entsteht, wenn man als normaler Mensch nur eine Seite betrachtet und wie üblich nur für diese eine Perspektive streitet, gleichzeitig aber behauptet die Sache lösen zu wollen.

Das Kommunikationszeitalter erfordert neue Formen der Kommunikationskultur und hier bietet das Theater eine neue Möglichkeit des spielerischen und deshalb offenen und konstruktiven Streitgesprächs. Als Ego kann man oft nicht öffentlich sagen was man wirklich denkt, weil der soziale Status auf dem Spiel steht. Als Avatar/Schauspieler, der den Standpunkt nur spielt, aber gerade durch dieses Spiel die Freiheit hat ihn vollendet und kompromisslos darzustellen, ist die subjektive und emotionale Darstellung dagegen erwünscht. So gesehen ist die Veröffentlichung der subjektiven (unzensierten) Wahrheit des Einzelnen eine Basis zur Lösung, die bisher meistens fehlt. Jeder versucht objektiv zu sein und sich den aktuell gültigen Regeln anzupassen und lügt dadurch oft, indem er innere Impulse unterdrückt und den inneren Dialog verschweigt.

Vielleicht ist das ja verrückt, aber ich wünsche mir eine Art moderne „Lösungsfabrik“ bei der ein Problem in Einbindung mit allen heute zur Verfügung stehenden Informationen und Medien öffentlich gelöst wird. In dieser könnten Schauspieler die verschiedenen Perspektiven vertreten, um den Lüge-, den Tabu- und den Ego/Status Faktor auszuschalten. (Oder eine Art „Lösungs- Show der klügsten Köpfe/Ideen“ in einem Format, das so groß wie „Wetten Dass“ gesendet wird? Auch widersprüchliche Informationen werden dort per Bildschirm gegeneinandergestellt und auf „Festigkeit“ getestet - eine Art Rashomon der Weltprobleme http://de.wikipedia.org/wiki/Rashomon_% ... 3%A4ldchen )

Übrigens, beim Bundestag fehlt schon mal prinzipiell die Leinwand für Einspielfilme/Dokus, dies ist nicht zeitgemäß um Probleme zu lösen, abgesehen von Fraktionszwang, und dem üblichem nicht zuhören.
Bei TV Talkshows (bei denen Probleme oft besser dargestellt und besprochen werden als im Bundestag) fehlt die Lösungsorientierung. Wenn jemand einen sehr guten Gedanken hat, dann sagt keiner „Stopp“. Der größte Mist und die vernünftigsten Gedanken plätschern oft gleichwertig dahin.

Catma hat geschrieben:...und in wie fern diese Form der Beobachtung an sich, losgelöst von dem beobachtetem System selbst in dem Beobachter eine Form der Wahrheit konstruiert, wie von der Wahrheit innerhalb des Spielsystems zu unterscheiden lässt.


Genau! - der Unterschied, ob etwas als Tragödie oder als Komödie wahrgenommen wird, liegt oft nur im Wechsel der Perspektive ;-)

Catma hat geschrieben:Weiterhin wäre hier im Rahmen des Realtheaters zu sehen, wie sich durch die Verschränkung der Beobachteten und der Beobachtenden Systeme eine völlig neue Realität -- möglicherweise bis hin zu einer möglichen Cantorschen Diagonalisierung der Sozialverhältnisse -- produzieren lässt.


Die „Cantorschen Diagonalisierung“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Cantor-Diagonalisierung )
bringt mich auf folgendes - und zwar auf eine Bitte:
Lasst uns wenn möglich eine Kommunikationsform finden, die immer da wo es geht, allgemeinverständliche Worte den Fremdwörtern vorzieht, damit nicht nur die Hochspezialisierten dieses Forum lesen können. In diesem Sinne: ich weiß, das ich selbst oft schwierige Begriffe benutze. Ich bitte um eine Info, falls ein Begriff den ich verwende nicht verstanden wird oder falls ein Denkfehler entdeckt wird.

Es ist ein wichtiges Ziel diese Themen und Informationen so bald wie möglich so vielen Leuten wie möglich bekannt zu machen.
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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon venosta » So 5. Okt 2008, 05:21

Genau! - der Unterschied, ob etwas als Tragödie oder als Komödie wahrgenommen wird, liegt oft nur im Wechsel der Perspektive


ich habe jetzt nicht alles gelesen, aber eine spontane assoziation ist das konzept des reframings im NLP. vielleicht hilft das ja weiter?
http://www.nlpedia.de/wiki/Reframing

grüße
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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon venosta » So 5. Okt 2008, 05:30

und noch eine assoziation: das karnevaleske. ich habe mal ein buch gelesen (weiß weder mehr titel noch autor, kann ich bei bedarf recherchieren), das das karnevaleske behandelte.

grob zusammengefasst: karneval als "ventil" für die katholisch reglementierte gesellschaft. die verhältnisse werden toleriert umgekehrt, kritik am könig, an der kirche, ausleben sexueller triebe, brechen von tabus - all das ist in den "tollen tagen" möglich. und: es ist eine gesellschaftlich verankerte institution, die uns die rollen ins gedächtnis ruft. wichtig war dies wohl vor allem für das mittelalter.

wer einmal rheinischen karneval miterlebt hat, kann sich auch heute noch vorstellen, welch radikale befreiung aus der konstruierten rolle der karneval leisten konnte. noch heute ist der nubbel schuld an vielen "surrealen" erlebnissen, die gesellschaftlich toleriert werden. allerdings ist die umkehrung und der austausch der rollen heute nicht mehr präsent.
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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon Hans Mack » Sa 18. Okt 2008, 18:46

Wenn ich das Framing/Reframing bei NLP richtig verstehe, dann handelt es sich hier um ein wichtiges Element.

Der Hintergrund, der Kontext, der uns zu einer Art Spiegelbild macht, je nachdem wie wir behandelt werden und vor welchem Hintergrund wir leben..

Wer dauerhaft wie ein Fahrraddieb behandelt wird, der wird zum Fahrraddieb, wer wie ein Edelmann behandelt wird, der wird zum Edelmann und wer wie ein Liebender behandelt wird, der wird zum Liebenden. Dies gilt sehr oft.

Warum benehmen sich alle Penner ähnlich? Warum benehmen sich alle Manager ähnlich? (Wenn der Manager zum Penner wird verändert sich sein Verhalten völlig) Sind das Rollen, die uns in bestimmten Situationen anhaften und prägen?

Wobei zur wichtigsten Rahmenbedingung auf Terra sicher die Regel gehört, das jeder von den Raben gefressen wird, wenn er nicht Geld, Status und ein Beziehungsnetz hat. Diese Rahmenbedingung ist es doch, die uns Angst macht den Partner, den Job und Besitz zu verlieren und die uns zwingt unser Ego manchmal so vehement zu verteidigen.

Wenn die reale Grundregel umgekehrt wäre, dann gäbe es ja keine Kriege und Kriminalität.

Um zum Realtheater Projekt zurückzukommen, hier muss erst mal ein anderer Haupt-Rahmen herrschen, ein Rahmen mit besonderen Regeln, der das freie Spiel miteinander ermöglicht.

Und wenn ich das NLP Framing richtig verstanden habe, dann kann man das auch so ausdrücken, dass im Schauspielunterricht bzw. im Projekt Realtheater verschiedene Hintergründe/Rahmen benutzt werden um verschiedene Rollen aus einem Menschen herauszukitzeln. Wir inszenieren hier genau das, was dieses „Best Case“ aus einem Menschen in der Realität herauskitzelt. Wir warten nur nicht bis das in der Realität von selbst passiert, sondern wir inszenieren es.

Hier kann der Leser einwenden: Wenn es inszeniert ist, dann kann ich es nicht glauben, dann ist es ja nicht echt. Darauf kann ich wiederum einwenden:
1. Zeigt der Radikale Konstruktivismus das Echtheit, Realität und Wahrheit relativ ist und
2. lernt man beim Schauspielunterricht „das Glauben“ - das klingt jetzt seltsam, ist aber so.
Wir lernen dort wirklich unsere eigenen (Rollen-)Erfindungen zu glauben. Jeder Schauspieler kann das, andernfalls ist er nicht gut, man kann das lernen. Jedes Kind kann das, wenn es spielt und im übrigen G.W. Bush kann das auch. Der glaubt seine Lügen wirklich, sagte Oliver Stone einmal. Als Schauspieler wäre Bush also Super ;-)

Im rheinischen Karneval herrschen manchmal Bedingungen, die einiges mit der Freiheit beim Improvisationstheater zu tun haben. Die Leute verlassen hier zeitweise die üblichen Regeln, legen ihr Ego ab, nehmen Rollen an, reißen die zwischenmenschliche Mauer nieder, singen, tanzen, spielen miteinander...

Aber es gibt beim Karneval natürlich keine „kollektive Regie-Instanz“ und keine eindeutigen anderen Regeln, sondern eine Mischung aus den üblichen Regeln und den Karnevalsregeln.
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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon realtheater » Mi 3. Dez 2008, 12:14

Hans Mack hat geschrieben:Wobei zur wichtigsten Rahmenbedingung auf Terra sicher die Regel gehört, das jeder von den Raben gefressen wird, wenn er nicht Geld, Status und ein Beziehungsnetz hat. Diese Rahmenbedingung ist es doch, die uns Angst macht den Partner, den Job und Besitz zu verlieren und die uns zwingt unser Ego manchmal so vehement zu verteidigen.


ja, ich denke, da hast du recht. ein wichtiger gedanke: das ego wird gefördert und aufrecht erhalten von der angst um den status quo und den potentiellen "abstieg". an einen möglichen "aufstieg" denkt jedoch kaum einer, wenn er das ego aufgibt.

Hans Mack hat geschrieben:Und wenn ich das NLP Framing richtig verstanden habe, dann kann man das auch so ausdrücken, dass im Schauspielunterricht bzw. im Projekt Realtheater verschiedene Hintergründe/Rahmen benutzt werden um verschiedene Rollen aus einem Menschen herauszukitzeln. Wir inszenieren hier genau das, was dieses „Best Case“ aus einem Menschen in der Realität herauskitzelt. Wir warten nur nicht bis das in der Realität von selbst passiert, sondern wir inszenieren es.

Hier kann der Leser einwenden: Wenn es inszeniert ist, dann kann ich es nicht glauben, dann ist es ja nicht echt. Darauf kann ich wiederum einwenden:
1. Zeigt der Radikale Konstruktivismus das Echtheit, Realität und Wahrheit relativ ist und
2. lernt man beim Schauspielunterricht „das Glauben“ - das klingt jetzt seltsam, ist aber so.
Wir lernen dort wirklich unsere eigenen (Rollen-)Erfindungen zu glauben. Jeder Schauspieler kann das, andernfalls ist er nicht gut, man kann das lernen.


und genau darum geht es meiner meinung nach beim realtheater: das erlernen anderer rollen. um andere sichtweisen kennenzulernen, die möglicherweise zu einer verwirklichung positiver utopien beitragen. und wenn es nur meine persönliche utopie ist.

Hans Mack hat geschrieben:Im rheinischen Karneval herrschen manchmal Bedingungen, die einiges mit der Freiheit beim Improvisationstheater zu tun haben. Die Leute verlassen hier zeitweise die üblichen Regeln, legen ihr Ego ab, nehmen Rollen an, reißen die zwischenmenschliche Mauer nieder, singen, tanzen, spielen miteinander...

Aber es gibt beim Karneval natürlich keine „kollektive Regie-Instanz“ und keine eindeutigen anderen Regeln, sondern eine Mischung aus den üblichen Regeln und den Karnevalsregeln.


ja, das interessante ist, dass unsere gesellschaft (und auch fast alle anderen) solche instanzen vorhergesehen haben.

interessant wäre tatsächlich eine regieinstanz, die die rollen vorgibt und lenkt. ich denke gerade daran, wie es wäre, experimentell mit vorgegebenen rollen in einen sozialen kontext, zB ein wirtshaus zu gehen und mit einem improvisations-set die dortige wirklichkeit (positiv) zu verändern.
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Re: Mittelalterliches Theater

Beitragvon Hans Mack » Sa 27. Dez 2008, 22:09

realtheater hat geschrieben:ja, ich denke, da hast du recht. ein wichtiger gedanke: das ego wird gefördert und aufrecht erhalten von der angst um den status quo und den potentiellen "abstieg". an einen möglichen "aufstieg" denkt jedoch kaum einer, wenn er das ego aufgibt.


Ich denke auch, dass es ein Aufstieg wäre, denn das Ego hindert uns beim spielen (und spielen ist das, was am meisten Spaß macht). Bei der Realtheateridee muss das Ego gar nicht aufgegeben werden, sondern nur der Ernst und das Monopol dieser Selbst-Definition, die der Philosoph Thomas Metzinger so passend "Mentales Selbstmodell" nennt.

Die Idee ein Wunsch-Ego oder besser Wunsch-Ich aufzubauen um dem teils fremdbestimmten und starren gesellschaftlichem Erwachsenen-Ego zu entkommen, ist momentan sehr aktuell, besonders bei vielen jungen Leuten. Deshalb flüchten Millionen vor dem "Angst-Gewalt Ego", mit dem unser System uns etikettiert, hin zum selbst geschaffenen Avatar-Ich in einer Computer Spielwelt wie "World of Warcraft", "Second Life" & co.
Das Realtheater möchte nun sozusagen noch einen Schritt weiter gehen und diese spielerische und künstlerische Welt, mit ihren besseren und kommunikativeren Spielregeln und Abenteuern, sozusagen in der Realität aufbauen. Ich möchte hier anmerken, dass gespielte Gewalt, die niemanden real körperlich verletzt, wie wir das aus dem Theater her kennen, keinesfalls mit ernster und realer Gewalt gleichgesetzt werden darf. Die Regeln aus der Spielwelt und aus der Theaterwelt sollen also in der realen Welt gelten (in abgetrennten Bereichen, die sich dann hoffentlich erweitern).

Beispiele dafür gibt es schon, passend zum Titel dieses Threads „Mittelalterliches Theater“ gibt es Gruppen, die bei gemeinsamen Treffen jeweils tagelang Mittelalter spielen, indem sie dort eine Spielrolle z. B. als Ritter oder Königin leben. Ich habe hierzu ein faszinierendes TV Doku-Video das Arte in den 90er Jahren ausgestrahlt hat auf der Festplatte. Diese Avatare leben und feiern miteinander in einer Mittelalter-Welt, sie ziehen aber auch mit Schauspielregeln in den Kampf. (Society for Creative Anachronism, SCA, Info in englischer Sprache: http://www.youtube.com/watch?v=AEUmOTNCH2s ) . Es gibt auch in Deutschland viele Gruppen die Liverollenspiel bzw. Live Action Role Playing (LARP) praktizieren. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Live_Action_Role_Playing

Max Reinhardt: „Das Theater ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen“

Durch den Fortschritt in der Robotik wird Arbeit als Lebenssinn langfristig verschwinden (siehe z.B. den US Ökonom Jeremy Rifkin mit seinem Buch „Das Ende der Arbeit“ - Interview: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/916564?_seite=1 ) Dadurch wird ein alter Traum für die Menschen realisierbar und die frei werdende Zeit kann für Spiel und Forschung, für Kunst und Kreativität genutzt werden.

realtheater hat geschrieben:und genau darum geht es meiner meinung nach beim realtheater: das erlernen anderer rollen. um andere sichtweisen kennenzulernen, die möglicherweise zu einer verwirklichung positiver utopien beitragen. und wenn es nur meine persönliche utopie ist.


Genau! - ich will sein was ich mir wünsche und nicht was mir vorgeschrieben wird und ich will verschiedenes ausprobieren. Im Theater kann ich das, in der Realität ist das schwer möglich. Wir alle sind nach und nach, schleichend auf dieses "Erwachsenengleis" gekommen, auf dem wir oft mehr und mehr "verholzen" und versteinern und das ist definitiv der falsche Weg!

realtheater hat geschrieben:interessant wäre tatsächlich eine regieinstanz, die die rollen vorgibt und lenkt. ich denke gerade daran, wie es wäre, experimentell mit vorgegebenen rollen in einen sozialen kontext, zB ein wirtshaus zu gehen und mit einem improvisations-set die dortige wirklichkeit (positiv) zu verändern.


Das geht natürlich. Das ist „unsichtbares Theater“ und macht Spaß, jedoch muss man Sicherungsmaßnahmen für den Notfall einbauen, die dann im Notfall blitzschnell das Theaterspiel sichtbar machen, denn die Theaterregeln und die Regeln der Normalwelt sind manchmal wie Materie und Antimaterie, das kann knallen.
Deshalb funktioniert ein richtiges Realtheater nur im geschütztem Rahmen.
Hans Mack
 
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